Der Drehpunkt im Wandel der Zeit – eine etwas andere Chronik

Der soziale therapeutische Drehpunkt ist aus der sozialen Landschaft in Hofheim nicht wegzudenken. 2013 feiert die Einrichtung 30. Geburtstag. Wolfgang Freydank, Mitgründer und Geschäftsführer, blickt zurück auf drei Jahrzehnte, in denen sich der Drehpunkt vom Nischenverein zum Sozialunternehmen entwickelt hat.

Am Anfang steht immer ein Bedürfnis

Der Drehpunkt wird 30 Jahre alt. Welche Bilder tauchen in der privaten Rückschau auf?

Wolfgang Freydank: Viele Bilder. Die deutlichsten sind die von der Gründungsveranstaltung, vom Umbau und endlosen Verhandlungen zwischen Eltern, Mitarbeitern und Vorstand in den Achtzigern. Oder das von den eigenen Kindern, die die integrativ arbeitende Kita besuchten. Es sind eher solche aus der Anfangszeit, als noch keiner wusste, wie alles werden würde. Aber auch das aktuelle Bild von unseren schönen Gebäuden und dem Grundstück gehört dazu.

Wie ist der Name Drehpunkt entstanden?

Wolfgang Freydank: Wir wollten ein Symbol finden für das, was wir vorhatten. Eine Einrichtung zu schaffen, die sich um Menschen dreht und insbesondere um solche, die Schutz und Hilfe brauchen. Ein Punkt als Symbol, um den sich alles dreht, erschien uns als beste Wahl.

Was war die Motivation zur Gründung?

Wolfgang Freydank: Hinter jedem Motiv, etwas zu tun oder zu ändern, stand immer ein Bedürfnis. Die Themen Kinderbetreuung oder Umgang mit Menschen mit Behinderungen waren aus unserer Sicht unbefriedigend besetzt. Am Anfang stand meistens die Frage, warum gibt es so etwas eigentlich nicht? Etwa einen integrativen, nichtkonfessionellen Kindergarten in Hofheim.

Hat der Drehpunkt heute Fans, die früher Gegner waren?

Wolfgang Freydank: Viele Gegner von früher sind heute von unseren Ideen überzeugt. Während wir der Stadt Hofheim in den Achtziger Jahren noch vor Gericht begegnet sind, weil wir eine Krabbelgruppe durchsetzen wollten, ist die Führung der Stadt heute auf unserer Seite. Heute sind Themen wie Krabbelgruppen gesetzlich verankert. Und die Befürworter sind uns geblieben.

Ist es einfacher geworden, sich für die Interessen behinderter Menschen einzusetzen?

Wolfgang Freydank: Ich habe manchmal gedacht, die Gräben wären zugeschüttet. Aber es tun sich immer wieder neue auf. Wenn man näher hinsieht und schaut, wo es klemmt, stellt man fest, dass es meistens mit Personen zu tun hat, die an entscheidenden Stellen sitzen und aus welchen Gründen auch immer blockieren.

Wenn es ein Drehpunkt-Erfolgsprinzip gibt oder ein Credo – welches ist das?

Wolfgang Freydank: Beharrlichkeit und ständiges Engagement. Man kann noch nicht mal sagen, dass wir sehr politisch waren. Wir haben einfach versucht, unsere Vorstellungen durchzusetzen. Ein Unterschied von damals zu heute ist vielleicht, dass wir das anfangs ohne rechtliche Unterstützung tun konnten, heute aber immer häufiger mit einem Rechtsanwalt arbeiten. Bei vielen Themen gibt es mehr Ansprechpartner, ist die Sachlage komplexer, was Verhandlungen nicht einfacher macht.

Stolz?

Wolfgang Freydank: Es ist schön anzusehen, was entstanden ist. Stand am Anfang ein Einzelbedürfnis, zum Beispiel, dass ein Kind mit der Glasknochenkrankheit da war, für das wir Sorge tragen wollten, dass ihm in der Schule nichts passiert, ist daraus ein Thema, ein ganzer Geschäftsbereich geworden. Heute arbeiten 180 Menschen im Drehpunkt.

In mittlerweile vier verschiedenen Bereichen…

Wolfgang Freydank: Wir haben eine integrativ arbeitende Kinderbetreuung, die Kinder von einem Jahr bis zum Schuleintritt begleitet. Wir haben einen  ambulanten Dienst, der für Hofheim und Eppstein zuständig ist – jeden Morgen startet der mit 5 Touren. Wir haben eine Integrationshilfe mit Betreuung und Unterstützung von Kindern mit einem Handicap in der Schule. Wir begleiten bei Klassenfahrten, leisten Fahrdienste, Assistenz beim Studium und bei der Arbeit. Wir haben eine Familienhilfe, die den Haushalt schmeißt und die Kinder versorgt. Aus dem Drehpunkt ist ein Sozialunternehmen geworden.

Hat das auch Nachteile?

Wolfgang Freydank: Das Wachstum hat natürlich Veränderungen mit sich gebracht. Auch wenn die Struktur nach wie vor ein Verein ist, haben wir de facto einen Dienstleistungsbetrieb, der für Kunden arbeitet. Die Vorstellungen der Leute aus dem Verein, die der Kundschaft und die der Verantwortlichen für die Bereiche sind nicht immer deckungsgleich, da ist eine komplexe Struktur aus Erwartungen und Anforderungen entstanden.

Hat sich auch die Klientel verändert?

Wolfgang Freydank: Natürlich. Zum Beispiel im Kinderhaus. Unser Ansatz, unser Angebot hat sich herumgesprochen, neue Elterngruppen sind angesprochen worden. Natürlich haben wir uns auf die veränderten Anforderungen, auf neue Interessenten am Drehpunkt zubewegt. Aber wir hatten immer einen roten Faden und den haben wir auch weiterhin.

Wie groß ist das Loch, das durch den Wegfall des Zivildienstes in unser Sozialsystem gerissen wurde?

Wolfgang Freydank: Bei uns ist keines entstanden. Wir haben immer frühzeitig zugesehen uns auf Entwicklungen einzustellen, auch wenn diese noch so unangenehm waren. Ich will damit gar nicht den Unsinn verharmlosen, den Zivildienst abzuschaffen, aber wir haben es mit einer Kampagne, unseren guten Kontakten und unserem Ruf geschafft, die Lücke zu füllen.

Sind wir weitergekommen bei der Integration von Menschen mit Behinderungen? 

Wolfgang Freydank: Ich bin da hin und hergerissen. Sicherlich ist es so, dass Behinderte heute nicht mehr versteckt werden, man ist besser vernetzt und für Eltern von behinderten Kindern zum Beispiel liegen viel mehr Informationen vor, wie sie Hilfe bekommen können. Aber auf breiter Flur sind die Veränderungen minimal, hat die Toleranz auf kleinstem Level zugenommen. Mein Eindruck ist, dass Ausgrenzung nur dort nicht mehr stattfindet, wo man es sich leisten kann. Es gibt Wohngebiete, da hat man nichts gegen Menschen mit Behinderung, aber sie müssen doch auch einkaufen, zur Bahn oder ins Kino.

Mit dem Stichwort Inklusion geistert ein neues Stichwort herum. Was muss passieren, dass es zum gelebten Prinzip wird?

Wolfgang Freydank: Dass Integration oder besser Inklusion etwas mit Geld zu tun hat, ist wohl unbestritten. Insofern bin ich da skeptisch. Es muss unheimlich viel passieren, bis die Inklusion tatsächlich realisiert ist. Integration belastet. Es bedeutet, dass jemand da sein muss, der hilft. Das kostet Zeit, Geld, Aufwand. Ich sehe an vielen Stellen, dass die Gesellschaft gar nicht so sozial ist, wie sie es vielleicht gern sein will.

Wie geht’s weiter mit dem Drehpunkt?

Wolfgang Freydank: So wie bisher. Indem wir neue Wege gehen, einfach machen. Wie mit unserem neuen Wirkungsbereich, dem integrativen Wohnen. Das gibt es hessenweit nicht, dass Leute mit und ohne Behinderungen zusammen wohnen. Wir realisieren ein entsprechendes Projekt in der Marxheimer Bahnstraße, das vom Land Hessen gefördert wird.

Und wie wird gefeiert?

Wolfgang Freydank: Am 10. Februar wird im Drehpunkt angestoßen. Es wird nicht persönlich eingeladen, sondern es kommen diejenigen, die dabei sein wollen, also Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen, Freunde, Sympathisanten. Es gibt Sekt, Kreppel und Brezeln, dazu spielt eine Band. Im Sommer steht dann eine große Jubiläumsfeier auf dem Programm.