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„Ich bereue nichts“

Freydank, Drehpunkt0211-bearWolfgang Freydank geht nach 35 Jahren als Initiator, Geschäftsführer und Zampano des sozialen therapeutischen Drehpunkt in den Ruhestand. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit.

 

Freydank geht – der Drehpunkt bleibt. Was würdest Du als persönlichen Erfolg bezeichnen?

Wolfgang Freydank: Der Erfolg ist, dass wir uns immer um die einzelnen Leute gekümmert und keinen ausgeklammert haben. Dass es bei uns nicht bei Vorhaben geblieben ist, sondern Dinge umgesetzt wurden. Wir haben Bedarf für ein Kinderhaus gesehen, weil es so etwas nicht gab, also haben wir Räume gesucht und das Projekt aufs Gleis gesetzt. Dieses Muster, dass wir eine Notwendigkeit oder ein Bedürfnis identifiziert und dann Taten haben folgen lassen, das ist der große Erfolg.

Anfang der Achtziger sind viele (Eigen-)Initiativen gestartet worden. Was ist der Grund dafür?

Wolfgang Freydank: Ich würde sagen, dass es ein Aufbruchsklima war – ein Nährboden zur Eigeninitiative. Wir als Kinder der Kriegsgeneration wollten etwas gegen das Establishment tun. Diesen starren Stadtverordneten und konservativen Politikern musste etwas entgegengesetzt werden. Ich war arbeitsloser Lehrer, habe Nachhilfeunterricht gegeben und dann kam meine Schwester aus Berlin zurück, die erlebt hatte, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in Kitas gingen – und dann haben wir das eben gemeinsam hier verwirklicht. Und hatten jede Menge Mitstreiter. Bei der Gründungsversammlung waren 50 Leute.

Was war die größte Herausforderung?

Wolfgang Freydank: 1999 haben wir über eine Millionen Mark gebraucht, um weitermachen zu können. Wir mussten unsere Banken davon überzeugen, dass es sich lohnt uns das Geld zu leihen, obwohl wir keine echten Sicherheiten dafür bieten konnten. Das Ganze habe ich quasi auf meine Schultern geladen, weil ich den anderen ja gleichzeitig Zuversicht vermitteln musste, dass es weitergehen wird. Meine Kinder waren klein, die Situation existenziell bedrohlich, es war brutal.

Oder als die Abnahme der Kita anstand. Die Verantwortliche nahm mir als Zusage-Bedingung noch einige Versprechen ab, etwa, dass wir noch eine Turnhalle bauen mussten.

Es gab auch mal einen Baustopp, weil Geld fehlte. Damals bin ich mit dem Direktor der Kreissparkasse in den Hauptsitz nach Höchst gefahren, er überwies 50.000 Mark an die Baufirma – und erst dann konnte es weitergehen.

Gibt es im Rückspiegel Dinge, die Du gern anders gemacht hättest?

Wolfgang Freydank: Ganz kurze Antwort: nein. Oder, um es wie Edith Piaff zu sagen: Je ne regrette rien!

Wäre eine solche Art der Pionierarbeit im Sozialen heute noch möglich?

Wolfgang Freydank: Unwahrscheinlich. Es muss einem, einfach ausgedrückt, auch vieles andere egal sein, um so etwas auf die Beine zu stellen. Wir waren tendenziell mehr bereit, etwas für andere zu machen. Heute stehen andere Themen im Vordergrund. Es ist schwieriger Leute zu finden, mit denen sich gemeinsam so eine Idee entwickeln und dann auch umsetzen lässt. Pauschal gesagt sind die Menschen konsumbezogener, zurückgezogener. Aber es ist natürlich nicht ausgeschlossen.

Was muss man mitbringen, um solch eine Geschichte hinzulegen?

Wolfgang Freydank: Beharrlichkeit und ständiges Engagement. Ein großes Stück Naivität. Und Mut, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Wie erlangt man diese Eigenschaften?

Wolfgang Freydank: Die Grundlage dafür ist in meiner Familie gelegt worden. Mein Vater hatte ein Ingenieurbüro in Kriftel. Er hat mir immer Freiheiten gelassen, mich aber gleichzeitig eingebunden in alles, was er gemacht hat. Mit 6 oder 7 Jahren habe ich schon auf einem Dach gestanden und etwas festgeschraubt. Oder Profile gezeichnet. Kurz: Ich durfte machen, man traute mir etwas zu. Selbstständigkeit wurde für mich zur Selbstverständlichkeit.

Die heutigen Erziehungsmuster sind andere. Ist heute zu viel Protektion da, zu viel Sicherheitsdenken? Anders gefragt: Verzweifelst Du manchmal angesichts der vielen „Helikopter-Eltern“?

Wolfgang Freydank: Das Thema Erziehung ist komplex. Vor 30, 40 Jahren waren die Zeiten anders. Die Leute, die sich zur Drehpunkt-Gründungszeit engagiert haben, waren Kriegs- oder Nachkriegskinder, die aus dem Establishment ausgeschert sind. Sie wollten Dinge grundsätzlich anders machen als das ihre Eltern getan haben. Also mussten sie auch ihre Kinder anders erziehen. Es war Überzeugung da – zum Miteinander und zur Gemeinsamkeit.

Und nicht nur was die Erziehung angeht, haben sich Werte und Haltungen verschoben. Leute, die sich handwerklich an irgendwas beteiligen, sind seltener geworden. Die sind irgendwie verschwunden. Neulich haben wir ein Häuschen für die Kinder im Garten gebaut und Eltern zur Mithilfe aufgerufen. Von 60, die theoretisch hätten da sein können, kamen zwei. Wenn man sich Fotos von damals anschaut, sieht man, dass bei so einer Aktion einfach mehr Leute mitgemacht haben.

Woran liegt das?

Wolfgang Freydank: Keine Ahnung. Die Leute haben mehr Dinge zu tun – mit sich und für sich und zu wenig Zeit für das Wir.

Also ist prinzipiell heute mehr Ich als Wir wichtig?

Wolfgang Freydank: Das Phänomen „Mehr Ich als Wir“ gibt es schon, seit ich denken kann. Aber früher war wesentlich mehr Wir-Gefühl vorhanden. Früher hat das Wir vielleicht 20 Prozent ausgemacht, heute 2.

Zum 30jährigen Jubiläum hast Du gesagt, dass die Gesellschaft nicht so sozial ist, wie sie sein möchte. Hat sie sich in dieser Beziehung weiterentwickelt?

Wolfgang Freydank: Nein. Und das wird sich auch nur ändern, wenn es irgendeinen großen Schlag tut. Es wird mehr als 50 Jahre dauern, bis ein Thema wie die Inklusion in die Tat umgesetzt ist. Es gibt so viele Gräben. Und es tun sich immer neue auf.

Warum sind uns skandinavische Gesellschaften voraus bei sozialen und gesellschaftspolitischen Themen?

Wolfgang Freydank: Ich habe keine Ahnung. Aber das wird mich nach meiner Arbeit hier beschäftigen. Ich werde reisen und mir in Dänemark und Finnland anschauen, was die dort genau anders machen. Vielleicht liegt es daran, dass man in den nordischen Regionen viel mehr auf Gemeinsamkeit angewiesen ist. In Mitteleuropa kann man als Individuum einfacher locker sein. Leichter sagen: Ich mache jetzt. In Finnland ist möglicherweise mehr Leuten klar, dass es das „Wir“ braucht um das Ich voranzubringen.

Was musst Du unbearbeitet übergeben oder ist nichts liegengeblieben?

Wolfgang Freydank: Ich versuche gerade alle Abteilungen auf den neuesten Stand zu bringen, in puncto Vergütungsverordnungen und anderen zahlenmäßigen oder gesetzesspezifischen Aspekten. Dann müssen die Kollegen selbst zusehen, wie sie zurechtkommen. Es muss einfach in diesem Sinne weiter gemacht werden. Ich habe auch aufgrund meiner Erfahrung viele Dinge intuitiv entschieden und hoffe, dass das meine Nachfolger auch hinbekommen.

Was wird dir fehlen?

Wolfgang Freydank: Die netten Leute. Mal auf den Tisch hauen zu können (lacht). Ich hoffe, dass ich nichts vermissen werde – oder nur ganz wenig.

Was nicht?

Wolfgang Freydank: Ein Unterschied von damals zu heute ist vielleicht, dass wir anfangs das meiste ohne rechtliche Unterstützung tun konnten. Heute hat fast alles eine juristische Dimension, ist ein Rechtsanwalt gefragt. Bei vielen Themen gibt es mehr Ansprechpartner, ist die Sachlage komplexer, was Verhandlungen nicht einfacher macht. Das wird mir nicht fehlen.

Was wirst Du tatsächlich als Mann im Ruhestand tun?

Wolfgang Freydank: Ich weiß es wirklich noch nicht. Wenn hier alles getan ist, werde ich mich auf mein Privatleben konzentrieren. Erst mal gar nichts tun, in den Tag hinein leben, Freunde besuchen. Ich habe kein großes Ziel vor Augen.

Das spricht doch dafür, dass Du zufrieden zurückblicken kannst?

Wolfgang Freydank: Nachdem das hier entstanden ist, kann man das so sagen. Eigentlich bin ich jetzt schon zufrieden. Auch wenn am Drehpunkt ganz viele Menschen beteiligt sind und bei weitem nicht alles mein Verdienst ist. Wir hatten eine gute Kultur des Miteinanders, da schließe ich die Feierkultur ganz eindeutig mit ein. Jetzt sind andere dran: Sie werden Dinge umsetzen, bei deren Planung ich noch beteiligt war. Ich übergebe den Drehpunkt in gute Hände.