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„Ich habe etwas Nützliches gemacht!“

Der letzte Jahrgang Zivildienstleistender im Drehpunkt (von links): Sebastian Tröger, Christian Vizal, Alexander Hohenadel, Moritz Schneider, Kevin Moritz, Hans Frölich, Oliver Jorg, Christoph Fink, Joel Kaufmann, Lukas Linicus, Stephan Friedrich, Frederik Thümmler, Sebastian Hirschle, Philipp Roshan-Moniri, Max Hahn-Klimroth.

Seit 27 Jahren ist der soziale-therapeutische Drehpunkt anerkannte Zivildienststelle. „Zivis“ werden im integrativen Kinderhaus, dem mobilen sozialen Hilfsdienst (MSHD) und in der Integrationshilfe eingesetzt. Die erste Stelle wurde am 1. August 1984 besetzt. Insgesamt haben 474 Zivildienstleistende ihren Dienst im Drehpunkt absolviert, zurzeit sind noch 21 aktiv, teilweise mit freiwilliger Verlängerung bis zum 31. August 2011. Dann ist Schluss. 15 Zivildienstleistende berichten über Erfahrungen und Erkenntnisse im Drehpunkt. Der letzte Jahrgang will damit auch potenziellen Teilnehmern am Bundesfreiwilligendienst oder dem FSJ Mut für ein Engagement machen.

Es hat jeden berührt. Keinem der 15 jungen Männer, die an diesem Nachmittag im Mehrzweckraum des sozialen-therapeutischen Drehpunkts sitzen, ist die Erfahrung, die sie in den vergangenen sechs Monaten gemacht haben, gleichgültig gewesen. Das merkt man anfangs gar nicht mal daran, wie sie über das Erlebte sprechen. Nicht alle können und wollen locker über gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen reden. Aber bei der Frage, wer seinen Dienst freiwillig verlängert hat, gehen 15 Hände in die Höhe. Alle haben am 1. September vergangenen Jahres begonnen. Für alle wäre der Einsatz am 28. Februar vorbei gewesen, doch alle bleiben bis zum 31. Mai, sieben von ihnen sogar bis zum 31. August.

Es ist ein besonderer Moment im lichtdurchfluteten Saal in der Hofheim-Marxheimer Chattenstraße. Für alle, die hier sitzen, wird der Zivildienst bald Geschichte sein, so wie der Zivildienst in Deutschland bald Geschichte sein wird.“Ich bin total froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe“,  sagt Oliver Jorg (19), der wie die anderen in der Integrationshilfe arbeitet, also Kinder  betreut. „So intensiv habe ich mich vorher nicht mit Menschen beschäftigt. Es ist eine wertvolle Erfahrung, die jeder machen sollte.“

„Zivi ist ziemlich wichtig. Er hilft uns, Leuten mit Handicaps zu helfen“, erzählt Max Hahn-Klimroth (20). „Hier ist eine ganz andere Atmosphäre als im Schulalltag. Der Kontakt zu Menschen mit Behinderungen ist enger und viel intensiver geworden. Viele schwere Fälle hat man ja vorher gar nicht in der Öffentlichkeit so gesehen. Das stärkt den Charakter.“

Für viele war und ist der Zivildienst die erste Gelegenheit, den Umgang mit Menschen mit Behinderungen zu probieren. Das mag am Anfang neu, vielleicht auch fremd oder unangenehm sein, aber es hilft, sich persönlich weiterzuentwickeln. Das sehen alle so. „Ich würde heute eher jemandem auf der Straße helfen“, sagt Alexander Hohenadel (23), „ich habe da jetzt ein besseres Gefühl. Man hatte vorher oft den Gedanken, etwas falsch zu machen.“

Hohenadel hat vor dem Zivildienst eine Ausbildung zum Elektroniker gemacht. Die Zeit im Drehpunkt hat ihm wie den anderen auch Zeit zur Besinnung gebracht, Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll. Weiter zur Schule? Ausbildung? Studium?

Für den Zivildienst sprechen viele Gründe: Er bietet Orientierung, ersten Kontakt mit dem Arbeitsleben, besondere Erfahrungen. „Außerdem hat beim Zivildienst – im Gegensatz zu einem Auslands-Jahr – auch noch Anschluss zur Familie“, sagt Oliver Jorg. „Und man nimmt etwas für die Erziehung der eigenen Kinder mit. Ich bin viel geduldiger geworden.“

Es hat jeden berührt, manchen gestärkt, etwa bei der Frage nach der Richtung. „Ich werde Erzieher“, sagt Sebastian Tröger (18), „der Zivildienst hat mich dazu bewegt.“ „Ich gehe nochmal zur Schule, um das Fachabi zu machen und dann Sozialpädagogik zu studieren“, sagt Christian Vizal (21). „Ohne den Zivildienst wäre ich nie auf diese Idee gekommen.“ Und auch Hans Frölich (19) weiß jetzt, wo es für ihn lang gehen soll: „Ich studiere Sonderpädagogik. Bin beim Zivi auf den Geschmack gekommen.“

Dass sie sich für den Drehpunkt entschieden haben, liegt auch an dessen Ruf. „Ich habe von Bekannten etwas über den Drehpunkt gehört. Der Drehpunkt ist als Zivi-Stelle bekannt“, sagt Kevin Moritz. Und Philipp Roshan-Moniri (19) ergänzt: „Ich habe durch einen Nachbarn davon erfahren. Da sind alle nett, hat man mir gesagt.“

Was keiner vorher wusste, ist, wie schnell man wichtig wird für einen Sozialbetrieb, für Kranke, Kinder – auch wenn Zivildienstleistende eigentlich nur ergänzend zu den Festangestellten eingesetzt werden dürfen. „Es wird nicht leicht sein, sie zu ersetzen, wenn es den Zivildienst nicht mehr gibt“, prognostiziert Hahn-Klimroth. Er und ein paar Kollegen sind empört darüber, wie sparsam in den Medien mit den drohenden sozialen Folgen der Abschaffung der Wehrpflicht umgegangen wird.“

Für den Drehpunkt wie für das gesamte Sozialsystem wird sehr bedeutend sein, ob sich genug junge Menschen für ein freiwilliges Engagement entscheiden. Motive gibt es genug. Zum Beispiel auch, dass sich der Punkt „soziales Engagement“ sehr gut in Bewerbungen macht.“

Fest steht: Was für den Zivildienst gilt, trifft genauso auf einen Freiwilligendienst zu. „Es entgeht einem etwas, wenn man es nicht macht“, sagt Lukas Linicus. „Ich gebe zu, ich hätte es nicht getan, wenn es freiwillig gewesen wäre. Aber jetzt bin ich sehr froh. Es ist sehr angenehm nach der Schule etwas Sinnvolles zu machen. Es hat einen Nutzen für andere. Ich habe etwas Nützliches gemacht.“