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„Inklusion sollte selbstverständlich sein!“

Frieder Müller, Leiter der Integrationshilfe im Drehpunkt, über die Herausforderungen der täglichen Arbeit, Theorie und Praxis und die Perspektiven des Bereichs, der sein 20jähriges Bestehen feiert.

Frieder_Mueller20 Jahre Integrationshilfe: Welche sind die wesentlichen Veränderungen?
Die Ziele des Drehpunktes von vor 20 Jahren sind unverändert aktuell. Nach wie vor gilt das Motto: Gemeinsam Leben, gemeinsam Lernen. Veränderungen gibt es in der Größe und der Professionalität unseres Arbeitsbereiches. Und wir investieren mehr in Netzwerkarbeit und Kooperationen.
Die Ansprüche aller Beteiligten wie Schulen, Eltern, Kostenträger und Therapeuten sind im Laufe der Zeit stark gestiegen. Daher ist mehr bedürfnisorientierte Assistenzleistung gefragt.

Auch in Sachen Personal tut sich so einiges. Das betrifft den Wegfall von Zivildienstleistenden, Kompensation und Ersatz durch Mitarbeiter im FSJ und BFD sowie den Aufbau eines festen Mitarbeiterstamms.

Gehen wir ins Detail – welche Einsatzgebiete sind dazu gekommen?
Neben der schulischen Assistenz gibt es inzwischen viele weitere Aufgabenfelder. Hierzu gehören neben der Begleitung in Kita und Hort, Ganztagsbetreuungen, Arbeits- und Ausbildungsassistenzen sowie  die Begleitung von Praktika. Auch Ferienmaßnahmen und zusätzliche Betreuungsleistungen sind unser Einsatzgebiet.

Neu angegliedert an die Integrationshilfe ist das Inklusive Wohnen, ein Modell-Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderung. Seit dem Bezug zu Beginn des Jahres gehören Hilfen im Alltag sowie Hilfen zur Selbsthilfe für die Bewohner und auch Coachings für die Wohngruppen zum Tätigkeitsbereich.

Wie hat sich diese Entwicklung auf die Ausbildung ausgewirkt?
In der Regel werden Einsätze mit pädagogisch interessierten Laien abgedeckt. Anfangs wurden in Einzelfällen gezielt ausgebildete Fachkräfte eingesetzt. Durch die Budgetierung und Reglementierung der Kostenträger werden diese jedoch immer weniger nachgefragt.
Intern hat die Entwicklung in der Vergangenheit jedoch Auswirkungen für die Mitarbeiter im Drehpunkt in der Weiterentwicklung von Standards, dem Leitbild und dem Wegweiser sowie der Form der Hilfen im Allgemeinen. Für sie bedeutet dies: Teamentwicklung, Teambetreuung, und Teamleitung.

Weitere Reaktionen sind zudem die kollegiale Beratung durch die Fachkräfte, regelmäßige Teamsitzungen, fallbezogene Möglichkeiten zur Supervision, ein breit angelegtes Fortbildungsangebot und verpflichtende Einführungsveranstaltungen. Leider sind die externen Kostenverantwortlichen nicht sehr bestrebt, Aus- und Weiterbildung im Bereich der Eingliederungshilfe auszubauen oder zu unterstützen.

Für wen kommt Integrationshilfe konkret in Frage?
Integrations- beziehungsweise Eingliederungshilfe dient ganz allgemein der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft. Die Regelungen dazu finden sich im Sozialgesetzbuch (SGB). Zudem gibt es Hilfen in unserem Tätigkeitsfeld über die Kranken-, Pflege- oder auch Unfallkassen. Das geht weit über die schulische Hilfe hinaus. Sie findet im Alltag auf allen Ebenen statt.

Wie läuft es praktisch ab, wenn Bedarf festgestellt worden ist?
Wird ein Bedarf festgestellt, erfolgt eine Anfrage an uns. Die Auswahl der geeigneten Assistenzkraft wird dann geschlechtsspezifisch, qualifikationsabhängig, erfahrungsbedingt, altersentsprechend oder auch wohnortbezogen getroffen.
Weiter geht es dann mit einem persönlichen Kennenlernen, Informationsaustausch und der Einarbeitung. Fachkräfte, also Lehrer, Eltern, Klienten oder Therapeuten leiten dann vor Ort an. Begleitet wird die Assistenz drehpunktintern über die Leitung, Teamsitzungen und gegebenenfalls  Fallgespräche oder Fortbildungen. Die Dauer der Assistenz hängt vom Bewilligungszeitraum ab.

Sind die Anforderungen an die Integrationshelferinnen und -helfer gestiegen?
Ja, in der Praxis sehr! Begutachtung und Diagnostik sind differenzierter geworden, außerdem ist der Anspruch an die Assistenz  und Teilhabe höher. Hinzu kommt, dass sich unsere Einsatzgebiete ausgeweitet haben und eine professionalisierte Umsetzung gefordert wird.
Leute haben oft eine falsche oder überzogene Erwartung an die Rolle der Integrationshilfe. Zum Beispiel denken Eltern mitunter, dass die Anwesenheit einer Teilhabeassistenz die schulische Laufbahn sichert. Dazu gehört aber ein Zusammenspiel des gesamten Systems – etwa mehr Förderschulstunden und eine Vernetzung der Ressourcen.

Ist Integrationshilfe Projektarbeit von begrenzter Dauer oder auch kontinuierliche klientenbezogene Arbeit?
Der Drehpunkt ist fester Kooperationspartner von Kostenträgern, Schulen und Einrichtungen. Zudem sind wir Anlaufstelle für Eltern und Kinder bei Wohnort-, Schul- oder Maßnahmenwechseln. Das heißt, es handelt sich allgemein nicht um Projektarbeit, der Einsatzbereich ist bestimmt durch eine dauerhafte verbindliche Leistungserbringung.

So würden wir nicht 20 Jahre Integrationshilfe feiern, wenn wir dieser Kontinuität und langfristigen Planung nicht entsprechend begegnen würden. Fallbezogen ist Integrationshilfe daher ebenso immer Beziehungsarbeit, bei der die Kontinuität der Beziehung Vorrang vor befristeten Bewilligungen durch Kostenträger haben sollte.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Kreis und anderen Trägern?
Unsere Zusammenarbeit mit dem Kreis und anderen Trägern läuft sehr gut und die Ausweitung der Kostenträger-Basis über die Kreisgrenzen hinweg  ist ebenso ein Zeichen einer positiven Kooperation.
Der Drehpunkt ist im Behindertenbeirat des MTK und in anderen Gremien engagiert. Auch daran sieht man den Stellenwert der Zusammenarbeit und es resultiert darüber hinaus ein gut ausgebautes Netzwerk für uns.

Was muss sich noch verbessern?
Wir arbeiten ständig an einer qualitativen Verbesserung sowohl im Einzelfall als auch insbesondere in der Teamentwicklung und Fortbildung sowie der Einsatzplanung.
Wünsche zur Verbesserung liegen im Rahmen der Umsetzung der Inklusion als Gesamtpaket und vor allem unter Einbeziehung der Assistenzen und damit auch fallspezifisch bei jedem Einzelnen und seinen Bedürfnissen. Auf Kreisebene ist eine engere Zusammenarbeit aller Beteiligten vor dem Hintergrund der Bedingungen und des Bewusstseins zur Inklusion nötig.

Erstrebenswert finde ich zudem eine Homogenisierung der inklusiven Strukturen in allen Lebensbereichen. Für unser jetziges Tätigkeitsfeld sollte sich die Abdeckung und Qualität über den Grundschulbereich hinaus auch auf weiterführende Schulen und andere Lebensbereiche erstrecken.

Welche sind die großen Herausforderungen der nächsten Jahre?
Herausforderungen werden sein, die Gesetzeslage bezüglich der Inklusion umzusetzen, Ressourcen bereitzustellen und mit Änderungen nicht nur im Schulsystem zu reagieren.
Aufgrund der gestiegenen Anforderungen an die hier thematisierte Integrationshilfe heißt es dringend: Strukturelle und pädagogische Ressourcen steigern und Spielräume für Fort- und Weiterbildungen schaffen.

Es heißt Integrationshilfe: Ist der Begriff in Zeiten der Inklusion noch zeitgemäß?
Nein, ist er nicht. Jedoch gibt es noch keinen adäquaten Begriff, man spricht von Assistenz im Rahmen der Inklusion. Derzeit gibt es auf landespolitischer Ebene eine Einigung auf den Begriff Teilhabeassistenz. Wäre Inklusion als Selbstverständlichkeit akzeptiert, würde dies genügen. Aber davon sind wir als Gesellschaft noch weit entfernt. Hier muss sich das allgemeine Bewusstsein verändern.

Wie verbringt der Leiter der Drehpunkt-Integrationshilfe einen typischen Tag?
Mein Morgen beginnt mit einem Start von 0 auf 100 in 3 Sekunden. Tägliche Einsatzplanung, Krankheits- und Vertretungsregelungen sowie die Problemanalyse bestimmen den Tagesbeginn. Ich führe Telefonate, beantworte Mails und habe fast immer ein offenes Büro für mögliche Anliegen.
Die reine bürokratische, konzeptionelle und strukturelle Arbeit findet dazwischen Platz, erforderlich ist die Abstimmung mit Verwaltungskräften, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Schulen, Einrichtungen und Kostenträgern.

Was wünscht er sich?
Ich wünsche mir die Anerkennung und gewissenhafte Umsetzung des Grundrechtes auf Inklusion in der Praxis mit der Bereitstellung der notwendigen Ressourcen.
Allgemein wünsche ich mir, dass Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung für Inklusion forciert werden und dass die Notwendigkeit für umfassende Angebote und Ressourcen in allen Lebensbereichen  anerkannt wird. Zudem wünsche ich mir entsprechende Wertschätzung für die Arbeitsleistung der Assistenz zur Teilhabe. Für den Drehpunkt wünsche ich mir die Weiterentwicklung vorhandener und neuer inklusiver Strukturen, weiterhin Offenheit für neue Projekte und die Risikobereitschaft, diese umzusetzen.

Persönlich wünsche ich mir einen langen Atem, gute Nerven, viel Kraft sowie Innovationsfreude und Einfallsreichtum.