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„Jeder fällt mal ins Corona-Loch“

Beate Stephanides leitet den Ambulanten Dienst des sozialen therapeutischen Drehpunkts. In diesem Gespräch beschreibt sie Stimmung und Strategien angesichts der Corona-Krise, zählt auf, an was es am stärksten mangelt und macht klar, wie froh sie ist, auf ein so starkes Team zählen zu können.

Die Corona-Krise beutelt vor allem Krankenhäuser, Senioreneinrichtungen und Pflegedienste. Wie geht es dem Ambulanten Dienst im Drehpunkt?

Beate Stephanides: Wir fühlen uns wie in der Warteschleife. Es herrscht eine  Art Ruhe-vor-dem-Sturm-Atmosphäre. Normalerweise fahren wir unsere Touren mit 100-prozentiger Auslastung, tendenziell eher mehr. Derzeit haben wir KlientenAbgänge nicht ersetzt, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Werden zum Beispiel Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter krank?

Welche Maßnahmen bzw. Vorkehrungen habt Ihr getroffen?

Stephanides: Ich habe bereits Ende Februar Schutzmaterial bestellt, weil ich eine Urlaubsreise geplant hatte. Und ich wollte schon alles vorbereiten, falls der Fall auf uns zu kommt. Es war ja noch nicht abzusehen, wie die Entwicklung verlaufen würde. Aber bereits diese Lieferung von Schutzkitteln und Atemschutzmasken kam nicht mehr an. Mundschutz und Desinfektionsmittel erhielten wir nur in reduzierter Menge. Freie Kapazitäten in der Pflege haben wir deshalb nicht mehr besetzt. Und wir haben vermehrt Mitarbeiterschulungen zum Thema Corona, hygienischen An- und Ausziehen von Mundschutz und Schutzkleidung durchgeführt.

Was macht besondere Probleme?

Stephanides: Die Beschaffung von Material. Unsere Mitarbeiter haben einen Hilferuf bei Facebook eingestellt bzw. geteilt, mit der Bitte uns Mundschutze zu nähen und Desinfektionsmittel zu spenden. Ein Vorstandsmitglied hat seine Beziehungen genutzt und einen ganzen Schwung Einmal-Mundschutz besorgt. Wir waren überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. Freunde, Bekannte und Verwandte der Mitarbeiter, aber auch viele uns unbekannte Menschen aus Hofheim und Umgebung haben uns Mundschutze genäht. Hierfür möchten wir uns ganz herzlich für die überwältigende Hilfsbereitschaft und Solidarität bedanken.

Woran mangelt es?

Stephanides: Wir haben keine Schutzausrüstung für Coronafälle, keine Atemschutzmasken und unsere Schutzkleidung reicht auch nicht aus. Speziellen Bedarf haben wir bei Atemschutzmasken ffp2 oder 3. Die sind derzeit aber so gut wie nicht zu bekommen. Auch Schutzbrillen sind aktuell kaum erhältlich.

Wie funktioniert das Team?

Stephanides: Das Team bleibt entspannt. Da kann ich auf jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter zählen. Wenn Dienste beendet sind, sagt fast jeder: „Wenn etwas ist, ruf‘ mich an. Ich bin da.“ Und wir sind auch froh, dass wir zu der Berufsgruppe gehören, die jetzt arbeiten kann und darf.

Wo bestehen Ängste?

Stephanides: Es ist einfach die Sorge da, wie es weiter geht. Die Unsicherheit macht zu schaffen.

Wie reagieren die Klienten?

Stephanides: Die Klienten haben Angst. Viele glauben, dass sie im Falle einer Coronaerkrankung nicht mehr in Krankenhäuser behandelt werden, weil sie so alt sind. Wir versuchen ihnen soweit wir können, die Ängste zu nehmen. Zudem fehlt ihnen jetzt der Kontakt zu ihren Angehörigen. Sie fühlen sich oft allein und sind ebenfalls sehr verunsichert, wie die Situation weiter geht.

Woher schöpft Ihr die Zuversicht, dass alles gut wird?

Stephanides: Wir stärken uns gegenseitig. Jeder fällt mal in das Corona-Loch. Aber dann ist ein anderer da, der einem etwas Lustiges sagt oder zeigt. Und unsere Geschäftsführerin Regina Michel muntert uns auf und bedankt sich bei uns, in dem sie Obst oder Süßigkeiten hinstellt zur Nervenstärkung.

Was kann jemand tun, der eine Idee hat, wo Material zu bekommen ist oder welches hat? Oder der auf eine andere Art helfen möchte?

Stephanides: Wer etwas hat, kann anrufen oder sich per E-Mail melden. Das wäre toll! Wir freuen uns aber auch über jeden Hinweis, wo Material zu bekommen ist. Telefon: 06192 3092020 Email: ambulanterdienst@drehpunkt.org