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Seit 25 Jahren Rudern gegen den Strom

Von Oliver Zils

Wo früher ein winziges Grüppchen Pionierarbeit leistete, wirken heute über 150 Menschen – die Integrationshilfe des Vereins sozialer therapeutischer Drehpunkt ist zu einem Sozialbetrieb geworden, der nicht mehr wegzudenken ist. Sie schult und stellt Begleiter*innen für Kinder, die im (Schul-)Alltag nicht allein zurechtkommen. Diesen Sommer feiert die Einrichtung 25sten Geburtstag – ein Grund sehr stolz zu sein.

Es ist ziemlich genau 25 Jahre her, als Wolfgang Freydank eine Beobachtung machte, die ihn nicht mehr losließ. Der damalige Geschäftsführer des Vereins sozialer therapeutischer Drehpunkt sah, wie die Mutter eines an der Glasknochenkrankheit leidenden Kindes Tag für Tag vor der Klassentür in der Heiligenstockschule saß, um ihren Sohn immer dann, wenn es zur Pause klingelte, im darauf folgenden Tohuwabohu zu beschützen.

Die Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen (und damit einhergehend: die Unterstützung von ihren Angehörigen) befand sich auf einem sehr niedrigen Level. Der Drehpunkt war als Reaktion auf das herrschende Klima ein paar Jahre zuvor gegründet worden, zunächst als Kinderhaus für Kinder mit und ohne Behinderung.
Als Freydank die Szene in der benachbarten Schule sah, war die Idee für einen weiteren Angebotszweig geboren: die Integrationshilfe.

„Eine solche gab es damals noch nicht.
Dieses erste Kind ließen wir kurzerhand über einen
Zivildienstleistenden betreuen“

erinnert sich Freydank. Mit der Unterstützung, die er über das Bundessozialhilfegesetz finanzieren ließ, wurde möglich, dass das Kind
weiterhin die Grundschule besuchen konnte, ohne dass die Mutter ständig
bei ihm sein musste.

Wachstum in allen Bereichen

Jahr für Jahr wuchs der neue Bereich des Vereins sozialer therapeutischer Drehpunkt. Bedarf gab es an allen Ecken und Enden. Fast gleichzeitig mit der Hilfe in der Heiligenstockschule begann die erste Integrationshelferin mit der Betreuung eines mehrfach schwerbehinderten Schülers an der Bodelschwinghschule in Hofheim. Immer wieder musste der Drehpunkt einfallsreich sein, um trotz unklarer oder nicht geregelter Gesetzeslage praktische Hilfe zu bieten.

Die Meilensteine der folgenden Jahre sind somit gleichermaßen Zeichen für eine Erfolgsgeschichte als auch Mahnmale für einen Mangel in der gesellschaftlichen Entwicklung. 1997 weitete der Drehpunkt das Angebot über die Grenzen Hofheims aus, für neun zu betreuende Schüler*innen waren schon zwei Integrationshelfer, fünf Zivildienstleistende und freie Helfer*innen im Einsatz.

„Gleiche Chancen, gleiche Rechte für alle Schüler*innen
zu schaffen. Dass Hemmschwellen abgebaut werden und
Inklusion alltäglich gelebt wird, so unbefangen wie es
Kinder im Umgang miteinander tun“

bringt es Geschäftsführerin Regina Michel auf den Punkt.

Nur zwei Jahre später hatte sich der Drehpunkt als eine der kreisweit bedeutendsten Institutionen zum Thema entwickelt und die Integrationshilfe wurde zum wichtigen Standbein für den Drehpunkt selbst. Jetzt begleitete man schon 25 Schüler*innen an Grund-, Gesamt- und Sonderschulen in sechs Städten und Gemeinden des Kreises. Es wurden zusätzliche Fachkräfte gefunden und eingestellt, die inzwischen auch auf der Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes arbeiteten. Zum Team gehörten zwei Integrationshelfer, zwei pädagogische Fachkräfte, 14 Zivildienstleistende sowie freie Helfer auf Stundenbasis.

2006 fanden Einsätze an 23 Schulen und einem Kindergarten statt, die Zahl der betreuenden Schüler*innen war auf 65 Kinder und Jugendliche angewachsen. Das Team hatte die 50-Personen-Grenze überschritten, zwei Jahre später lag der Jahresumsatz erstmals über einer Million Euro.

Voraussetzung für das Wachstum des Zweiges war und ist die gute Kooperation unterschiedlicher Ämter und Verantwortungsbereiche. Neben den Schulen und den Eltern funktioniert auch die Zusammenarbeit mit den Kostenträgern – ein bedeutender ist der Main-Taunus-Kreis (MTK). Christine Wagenbach vom Sozialamt des MTK ist voll des Lobs für die Zusammenarbeit mit der Drehpunkt-Integrationshilfe: „Stets kompetent, konstruktiv und mit viel Empathie gegenüber allen Beteiligten.“ Die Integrations-Arbeit sieht sie als „wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der Teilhabe junger Menschen mit besonderen Bedürfnissen im inklusiven Unterricht und in Förderschulen“.

Auch Hajo Rother, Schulleiter der Grundschule Süd-West in Eschborn, bewertet die Kooperation mit Bestnoten: „Seit fast 20 Jahren arbeiten wir in der Grundschule Süd-West mit der Integrationshilfe des Drehpunktes zusammen. Stets hat der Drehpunkt die Notwendigkeiten und Bedarfe der Schule kooperativ, flexibel und kompetent unterstützt.“ Für ihn steht fest: „Die Teilhabeassistent*innen des Drehpunktes sind sowohl für die Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen als auch für die Lehrkräfte wichtige Partner bei der Begleitung der Kinder auf ihrem schulischen Lebensweg.“

50 Schulen, 150 Mitarbeiter*innen

längst ist die Integrationshilfe des Vereins sozialer therapeutischer Drehpunkt eine Art eigener Sozialbetrieb. Rund 50 Grund-, Gesamt- und Förderschulen sowie Gymnasien und angeschlossene Betreuungseinrichtungen gehören zur Klientel. Das 150 Köpfe starke Team setzt sich zusammen aus pädagogischen Fachkräften, Teilnehmern am Freiwilligendienst und sogenannten Teilhabe-Assistenten.

Wachsender Bedarf und Ideenreichtum haben auch zu neuen Projekten und Angeboten geführt: In der Hofheim-Marxheimer Bahnstraße ist ein inklusives Wohnprojekt für Menschen mit und ohne Behinderungen entstanden. Und der Drehpunkt richtet seit Jahren inklusive Ferienspiele aus.

Frieder Müller, neben Regina Michel einer der beiden Drehpunkt-Geschäftsführer, leitet den Bereich.

„Die Integrationshilfe sichert vielerorts und dauerhaft
die Teilhabe und ist damit – meist leider immer noch –
eine notwendige Grundvoraussetzung auf dem Weg zur
Umsetzung der Inklusion.“

Die Kunst der Organisation liegt unter anderem darin, mit ständig wechselnden Rahmenbedingungen umzugehen. Als mit dem Wehrdienst auch der Zivildienst abgeschafft wurde, mussten neue Quellen für Personal erschlossen und alternative Beschäftigungsmodelle entwickelt werden. Eine gute Balance zu halten zwischen Festanstellungen und Honorarkräften erfordert viel Feingefühl und betriebswirtschaftliches Knowhow.

Umso schöner zu sehen, dass es so gut läuft wie es läuft.

„Es ist ein gutes Gefühl, so viel Unterstützung zu bekommen und zu wissen, dass das eigene hilfsbedürftige Kind in guten Händen ist. Der Austausch über die Entwicklung und Förderung des Kindes ist toll. Die Mitarbeiter der Integrationshilfe arbeiten mit viel Herz und kümmern sich sehr liebevoll“, sagt Stefanie Schuchmann, Mutter eines Kindes, das vom Drehpunkt betreut wird. „Im Fall eines schwerbehinderten Kindes steht ja unter Umständen organisatorisch die Erwerbstätigkeit eines Elternteiles auf dem Spiel. Deswegen sind wir sehr froh, dass es den Drehpunkt gibt. Alle haben ein offenes Ohr und vieles kann auf einfachem Wege geregelt werden.“

Dennoch liegt viel Arbeit vor der Integrationshilfe. Nicht zuletzt, weil sich die Rahmenbedingungen nur sehr schleppend verändern.

Findet auch Drehpunkt-Vorstandsmitglied Elvira Jacobs:

„Um die zur Verfügung gestellten zu knappen Ressourcen insbesondere für die wirksame Förderung von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf zumindest teilweise zu kompensieren, ist die Arbeit von Teilhabeassistenten immer dringlich notwendiger geworden.“

Das Ziel? Lohnt.

Auf die nächsten 25 Jahre!